Im Land des aufsteigenden Drachens: Eine Entdeckungsreise

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die uns ins große Erstaunen versetzen können. Und seit einigen Wochen komme ich nicht aus dem Erstaunen heraus. Es fällt mir diesmal sehr schwer, meine ersten Eindrücke dieses wundervoll liebenswerten Landes in Worte zufassen. Ich sauge alles auf, nehme alles mit und fange langsam an zu verstehen, nur um eine Straßenecke weiter wieder mit einem sichtbar großen Fragezeichen über meinen Kopf stehen zu bleiben.

Die Vietnamesen sind ein höfliches und freundliches Völkchen, immer auf dem Sprung mir zu helfen. Meine Gastfamilie, die KollegenInnen und SchülerInnen haben mich einfach so in ihre Mitte aufgenommen, als wären wir alte Bekannte. Von der ersten Minute an habe ich mich wohl gefühlt und auch wenn es manchmal ermüdend ist, zwischen laut schwatzenden Menschen, deren Sprache ich nicht verstehe, zu sitzen, könnte ich mich nicht glücklicher fühlen. So wurde ich beispielsweise am Hochzeitstag meiner Gasteltern eingeladen, diesen mit ihnen und meinen beiden Gastschwestern zu verbringen. Sie zeigten mir die Altstadt von Hanoi und wo es den besten Nachtisch und das beste Eis gibt. Einige meiner Schüler schlenderten ebenfalls mit mir am Hoan-Kiem-See entlang, nahmen mich mit auf eine Entdeckungsreise für Geschmacksknospen, machten mir kleinere Geschenke und bezahlten alles – selbst die Bus- und Taxifahrt, was mir mehr als unangenehm war. Aber Gastfreundschaft wird in diesem Land großgeschrieben.

Ebenso wichtig sind hier die Ehrung und Wertschätzung der Lehrer, denn, so wurde mir erklärt, verdanken die Schüler ihren Lehrern ihren beruflichen Erfolg. Deshalb gibt auch den Lehrertag, an dem ich sogar von meiner Gastfamilie mit einem riesigen Blumenstrauß überrascht wurde. In der Schule erhielten wir Lehrer Blumen und selbstgebastelte Kärtchen, während überall in Stadt mit Sträußen vollbeladene Roller zu sehen waren. Meine Gastschwestern waren den halben Tag damit beschäftigt, einen Lehrer nach dem anderen zu besuchen und auch meine Kollegen nahmen es sich nicht, nach Feierabend noch ihre ehemaligen Lehrer aufzusuchen. Auch wenn bereits der Schulabschluss Jahrzehnte zurückliegt, sind die Vietnamesen ihren Lehrern tief verbunden. Dies macht sich ebenfalls im gegenwärtigen Unterricht bemerkbar, auch wenn es hier und da einen Schüler oder eine Schülerin gibt, die mal nicht so motiviert wirkt. Wer aber beim ständigen Quatschen oder sogar Spicken während eines Testes ertappt wird, der wird vor das komplette Lehrerkollegium zitiert, muss sich entschuldigen und Besserung geloben. Es sei hier noch anzumerken, dass es sich bei den Schülern meiner Schule um Jugendliche im Alter von 18+ handelt, die dann bedröppelt vor einem stehen und völlig entsetzt sind, dass sie ihre Schandtat und ihr Versprechen auch noch vor mir auf Deutsch wiederholen müssen. Da Ernst zu bleiben, fällt mir nicht immer leicht.

Während ich in den ersten Tagen noch eingeschüchtert vom Verkehr mit klopfenden Herzen die Straßen überquerte, beginne ich langsam, den chaotisch geordneten Rhythmus zu verstehen und mich mit dem Fluss der Mopedfahrer fortzubewegen. Als ich eines Morgens über chinesische Touristen schmunzeln musste, die an einer Kreuzung faszinierend dem Treiben zusahen und das morgendliche Chaos fotografierten, wusste ich, dass ich angekommen bin. Inzwischen liebe ich es sogar, bei meinen Schülern oder Kolleginnen auf dem Roller mitzufahren und dabei das vietnamesische Lebensgefühl hautnah zu erleben. Ein Gefühl der Freiheit ergreift mich und legt sich wie Balsam auf meinen Kulturschock. Denn, so sehr es mir hier auch gefällt, so muss ich doch zugeben, dass es nicht immer einfach für mich.

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