Kulturschock Almaty

An einem wolkenschweren Spätnachmittag kamen wir in Almaty, Kasachstan an. Hinter uns lag bereits ein langer Tag. Wir waren erschöpft, ich noch immer krank und wir beide mehr als nur hungrig. Der Busbahnhof begrüßte uns in chaotischer Ordnung und den Zurufen der Taxifahrer. Die Straßen waren verstopft von Autos, LKWs und Menschen. Nur im Schritttempo näherten wir uns unserem Ziel. Das Kasachisch klang hart und barsch. Schon jetzt vermisste ich das runde Kirgisisch und auch das rollende Russisch hörte sich ganz anders an.

Die Fahrt von der Grenze bis zur ehemaligen Hauptstadt Kasachstans dauerte knapp fünf Stunden und führte uns durch die Weiten der Steppe, durch kurvenreiches Gebirge und kleine Ortschaften. Bei einem kurzen Stopp mitten im Nirgendwo, tauchte nicht nur ein einsames Toilettenhäuschen auf, sondern auch zwei junge deutsche Mädel, Volontäre, die auf den Weg nach Bischkek waren. Ein kurzer „Was macht ihr hier? Wo kommt ihr her?“-Austausch folgte, dann sprintete jeder von uns wieder in seine Marshrutka, bevor diese einen in dieser Einöde zurück ließ.

In Almaty angekommen versuchten wir uns zunächst zu orientieren und überlegten, ob es machbar wäre bis zu unserem Hostel zu laufen. Um uns herrschte geschäftiges Treiben, Autos hupten ununterbrochen, der Magen knurrte immer lauter. Also entschlossen wir uns ein Taxi zu nehmen. Doch als wir zur Straße liefen, schien es weit und breit keines zu geben. Nach kurzer Krisensitzung strebten wir zu den Männern zurück, die uns zuvor mit Taxilockrufen umschwirrt hatten. Nach fünfminütiger Verhandlung, bei der der Taxifahrer das Geschäft seines Lebens machte wie wir später erfahren sollten, bewegten wir uns endlich im Schritttempo auf das Hostel zu. Da jedoch der Fahrer selbst nicht so genau wusste wo es sich befand, rief er seine Tochter an, die ihn über das Handy zum Ziel lotste. In Almaty gibt es nämlich so gut wie keine offiziellen Taxis. Wer jedoch eins braucht, stellt sich einfach an den Straßenrand und wartet bis jemand anhält. Dann wird kurz verhandelt und wenn man sich einig wird, geht’s weiter, wenn nicht, wartet man eben weiter bis das Glück einen fängt. Aus diesem Grund kann es schon mal sein, dass die sogenannten Taxifahrer die Adressen nicht kennen.

Schließlich konnten wir aber im Sky Hostel einchecken. Dieses bietet verschiedene Zimmervariation an: Zwei-, Vier-, Acht- und Zehnbettzimmer. Letzteres kostet 10 $ die Nacht, da kann man schon mal über nervige Bettnachbarn hinwegsehen. Frauen und Männer schlafen getrennt, die Ausstattung ist modern, hipp und sauber. Als i-Tüpfelchen hat man von der Dachterrasse einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge und die Hektik der Stadt. Die Mitarbeiter sind sehr zuvorkommend, versuchen den Wünschen der Gäste zu entsprechen und geben gerne Auskunft über die Must-Sees, wo der Bahnhof zu finden oder auch nur welches Restaurant empfehlenswert ist. Das Frühstück ist inklusive, aber sehr einfach und nicht berauschend. Bereits gegen halb neun ist der Kaffee verschwunden und der Kascha kalt. Dafür gibt es Kekse und andere Süßigkeiten.

Das Hostel liegt sehr zentral, nur wenige Gehminuten von der nächsten Metrostation und dem Stadion entfernt. Die Metro besteht aus einer Linie mit insgesamt 9 Stationen, zwei  Zügen, wenigen Fahrgästen und ist somit noch die einfachste Variante sich im Stadtzentrum fortzubewegen. Die Stationen sind hell, leer und modern. Man merkt, Kasachstan hat Geld. Die Stadt ist insgesamt moderner, größer, breiter als Bischkek. Es gibt extra Wege für Fahrradfahrer, Jogger schwitzen freiwillig an einem Samstagnachmittag, ein Großteil der Autos fällt nicht gleich beim ersten Windstoß auseinander, nur wenige Frauen tragen Kopftücher, dafür mehr kurze Röcke und knappe Hosen. Es sind über zwanzig Grad, der Sonnenbrand lässt grüßen. Wir folgen der vorgeschlagenen Rundtour aus dem Reiseführer von Lonely Planet „Central Asia“. Wir fahren mit der Seilbahn, fotografieren Pfauen, essen Pizza in der Sonne, laufen an Glasbauten und sowjetischen Rechtecken vorbei. In der Must-See Moschee und der orthodoxen Kirche können wir Andachtsbitten beiwohnen, stellen fest, dass die Fußballmannschaft aus Almaty scheinbar nur zehn Spieler hat und laufen uns Blasen, als wir die 10km-Marke überschreiten.

Die Welt ist eine ganz andere. Wir haben unser beschauliches Osch und das zügige Bischkek hinter uns gelassen. Plötzlich befinden wir uns in einer fast westlichen Großstadt mit touristischen Zügen. Wir wurden vor unserer Abreise vorgewarnt: Almaty sei so ganz anders als Bischkek, erst recht als Osch und trotzdem hat es uns zu Beginn umgehauen, sodass uns im ersten Moment sogar das Selbstbedienungsrestaurant so sehr überforderte, dass wir uns lieber ein anderes Restaurant suchten. Vielleicht lag es an unserer Übermüdung, sicherlich an meiner Abgeschlagenheit und ein wenig auch an unserer Unvorbereitung auf dieses Land, diese Stadt.

Zwei Tage nach unserer Ankunft sitzen wir bereits im Zug Richtung Usbekistan mit feuriger Erwartung auf ein weiteres Abenteuer und der Dankbarkeit, dass wir Almaty dennoch eine Chance gegeben haben und so wunderbare Erlebnisse sammeln konnten. Denn eigentlich, wenn man mal nicht mehr müde und krank ist, dann klingt sogar das Kasachisch freundlich.

 

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