Nouruz: Ein neuer Tag beginnt

 

Bereits einige Tage zuvor wog eine Welle der Aufbruchsstimmung durch die Straßen. Obwohl das Wetter alles andere als sehr frühlingshaft war, bereiteten sich die Menschen auf den Beginn des Frühlings vor. In Zentralasien wird der Start dieser bunten, duftenden Jahreszeit am 20./21. März mit Nouruz begangen, dem altiranischen Neujahrs- und Frühlingsfest.

Wörtlich übersetzt bedeutet Nouruz „ein neuer Tag“. Mit dem Fest wird also nicht nur eine neue Jahreszeit, sondern auch der Beginn eines neuen Jahres gefeiert. Die Traditionen dieses Ereignisses sind über 2000 Jahre alt und werden in vielen Teilen der Welt gefeiert, wenn auch auf unterschiedliche Arten. Die ursprüngliche Intention, den Beginn des Frühlings und dessen Versprechen auf ein neues fruchtbares Jahr, feierlich zu begrüßen, ist geblieben.

In Kirgisistan ist Nouruz ein Fest der Familie, so ähnlich wie bei uns Weihnachten. Zusammen mit Freunden, Nachbarsfamilien und von weither angereisten Verwandten bereitet man sich auf das Fest vor. Die Bäume werden getüncht, Blumen gesetzt, die Straßen geschmückt und Unmengen an traditionellen Gerichten zubereitet. Hauptgericht ist neben dem obligatorischen Plov und Samsa, Sumalak. Die Zubereitung des Sumalak (eine Art süßlicher Weizenbrei) ist Frauensache und dauert einen ganzen Tag. Im Park, bei mir um die Ecke, standen zwei riesige Kessel gefüllt mit dieser flüssigen Masse. Frauen standen darum herum, beurteilten fachmännisch den Fortschritt und die Umrührungskünste der anderen.

Die Einladung meiner Mitbewohnerinnen, sie auf ihr Dorf zu begleiten, lehnte ich dankend ab. Sicherlich wäre es interessant geworden, aber da ich die letzten Wochenenden nur unterwegs war, sehnte ich mich nach ein wenig Ruhe – und sturmfreie Bude. Zudem versprach Osch ein abwechslungsreiches Programm.

Neben einem Umzug und diversen kleineren sportlichen Wettkämpfen auf dem großen Platz vor der Lenin Statue, fanden Hunderennen statt, Falken jagten um die Wette und Reiter versuchten im Galopp mit Pfeil und Bogen Ziele zu treffen. Die Pferdeturniere werden Kupkari genannt, besonders beliebt ist das Buzkashi oder auch Kök-Börü genannt. Das Spiel, eine Tradition aus der Zeit Dschingis Khans, ähnelt Polo, nur verwendet man hier den Rumpf eines Ziegenbocks. Ziel ist es, den Ziegenbock zu erfassen und ins „Tor“ zu bringen. Das Spiel ist brutal. Die Peitschenhiebe knallten bis zu den Zuschauerrängen, das Zusammenprallen der Pferde ließ uns mehr als nur einmal zusammen zucken. Die mächtigen Hufe trampelten über das tote Tier, die Reiter hängten sich gefährlich zu Seite und versuchten den 35 bis 40 kiloschweren, kopflosen Körper mit einer Hand zu ergreifen. Abstürze blieben dabei nicht aus. Dennoch, die Behauptung, dass die Kirgisen die besten Reiter der Welt seien, wurde hier mehr als nur bewiesen. Die Rangeleien waren eine wahre Kunst – die Pferde zu solch einer Brutalität zu animieren, ein Anblick der einem gleichzeitig zum Zuschauen und Wegschauen zwang. Es liegt klar auf der Hand, dies ist ein reiner Männersport. Spätestens als wir die Zuschauertribüne abliefen auf der Suche nach einem freien Platz, wurde uns das klar: Ein Meer aus neugierigen Männeraugen folgte uns. Nur vereinzelt fanden sich Frauen, meist verkauften sie aber Essen und Getränke und hielten sich Abseits.

Übrigens: Das Fleisch des Ziegenbocks gilt als Delikatesse. Nachdem 1,5 h lang (oder länger) auf dem Kadaver darauf herum getrampelt wurde, soll es unglaublich zart sein. Das kann ich mir zwar gut vorstellen, trotzdem möchte ich nicht diejenige sein, die das arme Tier zubereiten muss.

…Die Kirgisen sind schon ein verrücktes Völkchen – aber ein liebenswertes.

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