Dschingis Khan, Reis & Ausländerpreise: Ein Tag in Uzgen

Der lang versprochene Frühling klopft immer wieder an die Tür, doch noch hat der Winter den längeren Atem und schlägt ihm diese vor der Nase zu. Nichtsdestotrotz wagten wir uns das erste Mal aus den Stadtgrenzen Oschs heraus. Unser Ziel war Uzgen. Als wir später unseren Studenten erzählten, wo wir am Wochenende waren, war die häufigste Frage, was zum Teufel wir denn da bloß gewollt hätten. Tja, so genau konnten wir ihnen diese Frage nicht beantworten.

Өзгөн (kirg.) liegt im Oblast Osch, 55 km nordöstlich von Osch. Die Fahrt mit der Marshrutka kostet pro Strecke 50 Som, also keine 70 Cent, und dauert je nach abenteuerlichen Fahrstil und Anzahl der Stopps rund eine Stunde. Laut dem einzigen deutschen kirgisischen Reiseführer fährt man vom alten Busbahnhof in Osch ab. Nach einer halben Stunde Suchen und einem Anruf bei unserem Betreuer stellte sich heraus, dass es den alten Busbahnhof gar nicht mehr gibt und wir zu dem „neuen“ müssen (Was unter neu zu verstehen ist, darüber lässt sich wohl streiten, bei einem ziemlich verlassenen, halb zerfallenen Gebäude.). Vom Stadtzentrum dauert die Fahrt mit dem Taxi ca. 20 Minuten und kostet rund 100 Som (1,37 EUR). Oder man nimmt den Bus Nr. 13, das dauert dann zwar um einiges länger, kostet jedoch nur 8 Som (11 Cent). In Uzgen fahren die Marshrutkas direkt vor dem Bazar ab, der zentrale Punkt der Stadt ist nicht zu verfehlen. In Osch kauft man das Ticket vor Abfahrt beim Fahrer, in Uzgen sammelt der Fahrer das Geld vor der Abfahrt ein, sobald alle Plätze belegt sind. Die Tickets bestehen aus abgerissenen Zettel mit einer Nummer darauf, die allerdings nicht für die Sitzplatznummer steht, sondern für die Anzahl der bereits verkauften Karten. Typisch deutsch bestanden wir zunächst auf unseren Sitzplatz und outeten uns spätestens jetzt als Ausländer.

Uzgen liegt im östlichen Ausläufer des Ferghanatals, mit etwas Glück klart auch einmal der Himmel auf und man kann auf eine beeindruckende Bergkette schauen. Gelegen auf einer Anhöhe, schlängelt sich unterhalb der Kara-Daryja entlang. Das Flussbett ist (laut Wikipedia) fast 200 Meter breit, doch da die Schneeschmelze noch nicht eingesetzt hatte, schlängelte sich das Wasser träge dahin, Kühe und Schafe zupften die ersten frischen Halme zwischen den Steinen hervor, ein Bagger kramte in der Mitte des Flussbettes nach Schätzen.

Unsere Entscheidung, diesen Flecken Erde einmal zu sehen, war geleitet durch seine interessante, historische Geschichte als eine der ältesten Städte in Kirgisistan, dem einzigen in Kirgisistan bestehendem Minarett aus dem karachanidischen Zeitalter (11./12. Jhd.) und den drei aneinander gebauten Mausoleen, die zu den wenigen Bauwerken gehören, die Dschingis Khans Eroberungsexzessen überlebten.

Für diesen touristischen Höhepunkt Uzgens wird Eintritt verlangt. Gewählt werden kann zwischen Kindern, Erwachsenen und Ausländern (40 Som). Das grenzt schon fast an Abzocke, wenn man bedenkt, wie viel die Fahrt bis hierher gekostet hat. In EUR umgerechnet natürlich ein Witz im Vergleich zu westlichen Eintrittspreisen, aber inzwischen haben wir uns so sehr an die Preise hier gewöhnt, dass uns ein Mittagessen für mehr als 200 Som (rund 2,70 EUR) als bereits fast zu teuer erscheint.

Pflichtbewusst kletterten wir im wahrsten Sinne des Wortes die engen, dunklen Stufen des Minaretts hinauf und wurden mit einem Blick auf die Stadt belohnt. Bei gutem Wetter kann man angeblich sogar den Sulejman-Too sehen, aber das Glück war uns nicht gegönnt. Im Anschluss huschten wir eine Runde durch die Mausoleen, die außer nackten Wänden und ein paar Ornamenten nicht viel zu bieten hatten. Das Highlight dieses Ortes war mehr der Blick auf das Flusstal, sodass wir nach knapp einer halben Stunde bereits den Rückweg antraten.

Nach einer mittäglichen Stärkung wandten wir uns dem Bazar zu. Der Eingang, im Reiseführer angepriesen, ging durch die Massen an Menschen, Autos und Ständen, die davor standen, leider etwas unter. Auch sonst konnte der Markt uns nicht wirklich begeistern, zu sehr ähnelt er sich dem in Osch, nur etwas kleiner und gefühlt noch etwas enger. Uzgen, bekannt für den besten Reis Kirgisistans und dessen Plov, hat auch einen Reisbazar – laut Reiseführer. Doch auch hier wurden wir enttäuscht. Zwar fanden wir den berühmten Reis, aber der Reisbazar war im Prinzip nur eine kleine Ecke des großen Bazars mit einigen wenigen Reisständen. Nach einem obligatorischen Reiskauf, liefen wir noch ein Stück die Hauptstraße ab, doch außer Autowerkstätten und kleinen Kiosken hat Uzgen nur kaputte Fußwege zu bieten. Da das Wetter ebenfalls nicht allzu einladend war, beschlossen wir unseren Rückzug.

Für uns das Beste am ganzen Ausflug war die Fahrt mit der Marshrutka. Flache Ebenen wechselten sich mit kleineren Bergketten ab. Ziegen, Schafe, Kühe, Esel, Pferde zeichneten das Straßenbild, die am Straßenrand entlangtrotteten und gackernde Hühner die nach Essbarem pickten. Lastwagen, deren offene Ladenfläche vollgepackt war mit allerlei Getier, schwankten bedrohlich um die nächste Kurve. Wir brausten an Karren, gezogen von Eseln, Ochsen oder Pferden, vorbei und an verwegenen Reitern. In der Ferne, an einer steilen Hügelwand trieben zwei Nomaden ihre Schafherde vor sich her. Einsame Gehöfte, kleine Dörfer und verlassene Ruinen erzählten ihre eigene Geschichte,  während Frauen mit bunten Kopftüchern geschäftig ihre tägliche Routine erledigten und Männer mit der typischen traditionellen Kopfbedeckung in Grüppchen zusammenstanden wie alte Waschweiber. Ein Anblick, dem wir später noch öfter begegnen sollten.

TIPP: Wer sowieso auf dem Weg von Osch nach Dshalalabad (oder umgekehrt) ist, der kann statt einer direkten Verbindung, Halt in Uzgen machen und sich eine bis zwei Stunden Zeit nehmen. Das genügt völlig – als Tagesausflug eignet sich der Ort eher weniger.

 

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