Halbzeitgeschichten aus Kirgisistan

Die Gespräche plätschern dahin. Im Hintergrund läuft abwechslungsweise einmal Jazz statt westlicher Pop. Vor mir dampft eine Tasse Cappuccino. Wieder einmal hat es mich ins Brio verschlagen – wie so viele andere der Internationals. Fast könnte ich vergessen in einem Traum zu stecken, statt in Deutschland an der Uni zu büffeln. Es ist Halbzeit. Das Leben hier ist bisher eine Ansammlung an unvergesslichen Erfahrungen, Überraschungen und unbezahlbaren Momenten. Und bereits jetzt steht fest, dass ich nicht alles sehen und erleben werde, was ich mir vorgenommen habe. Da hilft nur eins: Wiederkommen – unbedingt!

An meinem ersten Tag lernte ich, dass man in den Bus hinten einsteigt und erst beim Aussteigen vorn beim Fahrer bezahlt. Nun, ich Spezialist stieg hinten aus. Empörte Augen folgten mir genauso wie der unverständliche Blick meiner Mitbewohnerin. Aber keine Sorge, ich habe das Geld nicht geprellt, dass übernahm sie zum Glück. Inzwischen kommt mir diese Vorgehensweise jedoch so normal vor wie das morgendliche Zähneputzen.

Ebenso selbstverständlich ist es für mich inzwischen zu jeder Mahlzeit eine Kanne grünen oder schwarzen Tee zu trinken. Jap ich, die sonst lieber zu Leitungswasser greifen würde und sich selbst bei einer Magenverstimmung weigert mehr als nur einen Schluck Pfefferminztee zu trinken. Aber das gehört hier einfach dazu, zumal die Wärme die eisigen Hände des Winters zumindest für einen kurzen Moment vertreibt.

Außerdem, nach einer anstrengenden Yoga-Stunde in einem Studio, das entweder eine bullig-warm-verschwitzte, eisig-kalte oder regnerisch-tröpfelnde Atmosphäre verbreitet und man sich einen Platz zwischen aufgestellten Schüsseln und Eimern suchen muss, entspannt eine Runde Tee trinken mit den anderen fast mehr als die zuvor verordneten Atemübungen.

Gleich neben dem Sportstudio steht eine riesige Statue. Das allein verwundert nicht so sehr, da Osch eine unglaubliche Anzahl an Statuen vorweisen kann. Doch das diese niemanden anderen als Wladimir Ilitsch Lenin zeigt, lässt einen schon für einen kurzen Moment innehalten. Mit aufmerksamen Augen fallen bei einem Gang durch die Stadt weitere Überbleibsel der Sowjets auf. Auf dem Bazar gibt es sogar eine Mini-Ausstellung für 10 Som, die neben sowjetischen Abzeichen auch ein Bild von Che Guevara zeigt. Nicht, dass die Mehrheit sich hier die Sowjetunion zurück wünschen würde, es macht sich nur einfach keiner die Mühe, die letzten Schriftzeichen und Symbole an den Fhen zu überstreichen. Sieht ja auch irgendwie hübsch aus und mit Kitsch, Blink-Blink und goldenen, nicht übersehbaren, Farbakzenten fühlen sich die Kirgisen sowieso besonders wohl und schick.

Die geschichtlichen Überreste gehören hier zum alltäglichen Leben wie auch das ein oder andere Erdbeben. Das letzte heftige, mit mehreren Nachbeben, gab es letzten Herbst. Als vor zwei Wochen hier die Erde bebte, saß ich gerade in meinem Zimmer und schaute einen Film. Über mir fing plötzlich die Decke an sich von links nach rechts und von rechts nach links zu schieben. Mein erster Gedanke war, „Oh mein Gott, die Nachbarn sind sexuell aber ganz schön aktiv, wenn die sogar die Decke zum Schwingen bringen können.“ Nach einem kurzen Moment war der Spuk aber schon vorüber und das Ereignis vergessen. Bis zum nächsten Tag. Als mich eine Freundin darauf ansprach, ob ich das Erdbeben mitbekommen hätte, schüttelte ich den Kopf. Später, auf dem Heimweg, noch während ich mich darüber wunderte, wie ich so etwas nur nicht mitbekommen konnte, wurde mir klar: Am Abend zuvor, dass waren nicht die hulkähnlichen Kräfte der Nachbarn gewesen. Aber da meine Mitbewohnerinnen auch keinen Alarm geschlagen hatten, schien es keine große Sache gewesen zu sein.

Stattdessen jagte ihnen einer meiner Migräneanfälle einen viel größeren Schrecken ein. Für mich (leider) das normalste auf der Welt, schienen sie nicht zu verstehen, was mit mir los ist. Ich konnte gerade noch so verhindern, dass sie einen Arzt riefen oder meinen Betreuer. Ich wusste, am nächsten Tag wäre wieder alles gut; sie waren eher davon überzeugt, ich würde in den nächsten paar Stunden sterben. Wider aller Vernunft setzten sie mir ein Gericht nach dem anderen vor die Nase, in der Hoffnung ich möge irgendetwas bei mir behalten. Als letzte Behandlung erhielt ich die „Salzung“. Zwischen den Seiten einer Zeitung wurde Salz geschüttet, mit denen ich dann abgerieben wurde. Angeblich sollte es die schlechte Energie aus mir herausziehen. Mag vielleicht funktionieren, aber ich hatte ja noch meine Schlafsachen an und durch die Klamotten hindurch? Mmh. Nach der ganzen Prozedur, die ich stillschweigend über mich ergehen ließ in der Hoffnung daraufhin endlich meine Ruhe zu haben, war nicht nur ich voller Salz, sondern auch mein Bett. Zudem drang ein Geruch nach verbrannter Zeitung in mein Zimmer. Natürlich, die aufgezogene, schlechte Energie musste ja jetzt noch verbrannt werden. Ist nur blöd, wenn man bei einer Migräne auf Gerüche jeglicher Art mit großem Unwohlsein reagiert… Am nächsten Tag wurde mir dann mitgeteilt, dass ich wunderschöne Augen hätte. Ich wollte mich gerade für das Kompliment bedanken, als deutlich wurde, dass das nicht unbedingt etwas Gutes ist. Schließlich würde mich deswegen jeder anschauen wollen und mir meine Energie rauben. Aus diesem Grund sei ich krank geworden. Auf meine Frage hin, ob ich mich nun verschleiern sollte, um einem weiteren Anfall zu entgehen, bekam ich allerdings keine Antwort. Wahrscheinlich hatte meine Mitbewohnerin die Frage nicht verstanden. Nehme ich jetzt einfach mal an.

Zum großen Schrecken durfte ich am selben Tag noch feststellen, dass meine Kreditkarte verloren gegangen war. Daran war sicherlich auch diese schlechte Energie schuld. Aber nach meiner Ölung, ähm Salzung, hatte ich das Glück, dass ein netter Taxifahrer meine Karte in seinem Auto fand und meinen Betreuer anrief, dessen Nummer er durch gutes Karma noch besaß. Überhaupt scheinen die Kirgisen nicht nur eine sehr ausgeprägte Willkommenskultur zu haben, sondern sind auch bis zu einem gewissen Grad super ehrlich. So kann es schon mal sein, dass man auf dem Bazar nur noch große Scheine hat. Also drückt der Verkäufer/die Verkäuferin den 1.000 Som Schein seinem/seiner nächsten NachbarIn in die Hand, der/die auch schon los rennt und zwischen den engen Gassen verschwindet. Nach kurzer Zeit taucht das Geld kleingewechselt wieder auf. Man muss nur etwas Vertrauen haben, zumal die Kirgisen ihre zahlende Kundschaft ja nicht vergraulen wollen – insbesondere die reichen Ausländer, die eh nicht richtig um Preise verhandeln können.

Lächelnde Menschen, Wetterumschwünge, Essen, kaputte Straßen, nicht funktionierende Heizungen, undichte Fenster, Smog, Korruption und Stolz, Moderne und sowjetische Repliken. Das alles ist Kirgisistan und noch viel mehr. So geschehen jeden Tag kleine und große Momente und ich versuche sie mit aller Macht aufzusaugen. Leider ist mir das nicht immer möglich und ich fürchte, um dieses Land wirklich zu erleben, bleibt euch nichts anderes übrig, als hierher zu reisen. Aber die Mühe lohnt sich! Versprochen!

Ihr wollte weitere Geschichten aus Kirgisistan lesen? – Dann schaut mal hier.

 

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