Zwischen Traditionen und Selfies: Eine kirgisische Hochzeit

Kirgisistan überrascht mich immer wieder mit seinen Kontrasten. Fast alle hier haben ein Handy oder Tablett, doch funktionierendes W-Lan an der Uni? Fehlanzeige! Selbst in den eigenen vier Wänden ist dies ein Luxus, den sich nur wenige leisten (können). Über Stromausfälle regt sich hier schon lange niemand mehr auf. Für uns Ausländer grenzt es schon an ein Abenteuer, in einem dunklen Supermarkt einkaufen zu gehen und mit Taschenlampe durch die Gänge zu rennen, während die Kassiererin stoisch die Beträge in einen Taschenrechner eintippt. Schnee, Wind und Regen fegen durch kaputte Fenster, die wahrscheinlich auch noch in den nächsten zehn Jahren kaputt sein werden. Es gibt schließlich wichtigeres, wie beispielsweise die eigene Hochzeit planen.

Ich hatte die Ehre auf einer dieser Hochzeiten zu tanzen. Bereits im Vorfeld herrschte darüber große Aufregung – mit Sicherheit bei Braut und Bräutigam, aber auch bei meiner Mitbewohnerin. Dass ihre Freundin heiraten würde, stand nicht so sehr im Vordergrund. Essentieller war die Entscheidung welches Kleid sie tragen würde, zu welchem Kosmetikstudio sie gehen würde und ob es tatsächlich klug wäre, vorher noch die Haare zu färben. Wie die Universität ist auch ein Hochzeitsfest ein einziger Heiratsmarkt. Wer während des Studiums nicht das Glück hat sein Herzblatt zu finden und all die Vorschläge der Familie nicht gut genug waren, dann bietet eine Hochzeit den gewünschten Hoffnungsschimmer (vorausgesetzt die Eltern suchen nicht sowieso für einen den Partner fürs Leben aus). Aber selbst wenn es nicht bei dieser klappt, die Hochzeitssaison hat ja gerade erst angefangen. Es wird noch weitere geben. Versprochen!

Als wir gegen Mittag das Elternhaus der Braut erreichten, waren die Feierlichkeiten bereits in vollem Gange. Auf dem Hof tummelten sich hauptsächlich Männer, die Frauen rannten geschäftig hin und her. Nachdem wir von einigen weiblichen Verwandten der Braut begrüßt wurden, führten uns diese in einen kleinen Raum, der mit Matten ausgelegt war. In der Mitte war ein Tuch ausgebreitet, auf dem sich bereits das Essen stapelte. Nach und nach kamen weitere Freundinnen der Braut. Dazwischen wurde immer wieder neues Essen – Suppen, Fleisch, Salate – gebracht. Um sich die Zeit zu vertreiben, wurde Volkssport betrieben: Selfies machen.

Wer hier von Anfang bis Ende an einer Hochzeit teilnehmen möchte, benötigt also nicht nur einen langen Atem, sondern auch einen Magen, der sich bis aufs Unendliche ausdehnen kann und sollte vor allem keine Scheu vor Selfies haben. Die gehören hier nämlich zum guten Ton dazu.

Am späten Nachmittag, nach bereits fünfstündigen Nichtstun, erschien endlich die Braut. Umarmungen, Küsschen und Fotos bestimmte die nächste Stunde. Achja, und Essen natürlich.  Anschließend wurde ein Gebet gesprochen und wir Mädels in den Vorraum gescheucht, jetzt sollten professionelle Fotos von der Braut gemacht werden. Inzwischen waren auch der Bräutigam und seine Freunde eingetroffen, laute Akkordeonmusik und Gesänge kündigten sie an. Auf meine Frage, worauf wir jetzt noch warten würden, kam die Antwort, dass die Männer mit dem Essen fertig werden. Das konnte also noch eine kleine Weile dauern. Währenddessen erhielten wir aber weitere Leckereien und Tee und weitere tausend Fotos wurden angefertigt.

Schließlich erschien der Bräutigam, die Eltern sowie der Imam. Die Verwandten des Brautpaares zeterten noch über die Kaufsumme, als die Zeremonie hinter verschlossenen Türen begann. Ich versuchte einen Blick durch das Fenster zu erhaschen, aber viel war nicht zu sehen. Braut und Bräutigam saßen sich gegenüber, dazwischen ihre Eltern und der Imam. Neben ihnen saßen ihre jeweils besten Freunde. Nach dreißig Minuten war der Spuk vorüber und das frisch vermählte Paar wurde auf dem Hof begrüßt. Die Frauen hielten sich im Hintergrund, während die Männer die beiden umringten, umtanzten, umsangen. Es wurden Gebete gesprochen, der Schleier der Braut gehoben, Küsschen verteilt. Unter großem Getöse stiegen die beiden in ein Auto, dass sie zunächst zu einem Park bringen sollte – für weitere Fotos natürlich, dass es regnete und eisig kalt war, schien kein Hinderungsgrund zu sein – und schließlich zu einem Restaurant in den Bergen. Wir anderen folgten brav. Allerdings nicht sehr gesittet. Meine Mitbewohnerin hielt mich fest an der Hand, drückte sie fast schon ab und noch während ich mich über ihr Verhalten wunderte, versuchten uns die Männer auseinander zu drängen. So als wollten sie sicher gehen, dass jeder von ihnen ein Mädel abbekommt. Erleichtert ließ ich mich schließlich auf einen der Sitze im Bus fallen, der uns ins Restaurant bringen sollte. Doch die Erleichterung hielt nicht lange an, da uns natürlich einige männliche Geschöpfe gefolgt waren. Sie zogen uns von unseren Sitzen und forderten uns zum Tanzen im Gang auf. Recht schnell stellte sich heraus, dass ich von einem anderem Stern stamme und ihre Neugier war geweckt. Die Kunde von der Deutschen sollte sich schnell verbreiten und zu meinem Leidwesen kam ich mir mehr als nur einmal wie ein Tier im Zoo vor, von und mit dem Fotos gemacht wurden und das sogar beim Herumwackeln auf der Tanzfläche gefilmt wurde.

Die Feier im Restaurant selbst war straff durchorganisiert. Zunächst wurden alle aufgefordert sich auf die Tanzfläche zu bequemen. Irgendwann kam die Ansage, dass man sich jetzt setzen sollte. Der erste Gang wurde serviert. Währenddessen wurden Reden gehalten, dem Brautpaar Geschenke überreicht und mit ihm weitere Fotos gemacht. Die Armen kamen dabei nicht wirklich zum Essen. Überhaupt sahen sie nicht sehr glücklich aus. Doch eine glückstrahlende Braut – was für eine Sünde! Schließlich würde sie in wenigen Stunden ihre Reinheit verlieren, darüber sich zu freuen gehört sich nun mal nicht.

Nach den Reden und Geschenken, wurde ein Spiel gespielt. Danach erfolgte wieder die Aufforderung zum Tanzen, zum Essen, zum Reden schwingen, zum Spiel, zum Tanzen, zum Essen, zum Reden schwingen… Ihr versteht schon. Das interessante dabei war, dass diese getaktete Programmordnung der Stimmung keinen Abbruch tat. Dies kann allerdings auch daran liegen, dass die Männer sich regelmäßig nach draußen stahlen und jedes Mal ein wenig betrunkener zurückkamen. Schließlich ist Alkohol hier offiziell verpönt. Auf den Tischen gab es nur Saft und Softdrinks. Ich hätte mich ihnen gern das ein oder andere Mal angeschlossen, insbesondere als ich plötzlich ins Scheinwerferlicht gerückt wurde, aber das wäre wohl keine gute Idee gewesen. Stattdessen durfte ich bei einem dieser Spiele mitmachen und musste vor circa 200 Leuten einen usbekischen Tanz vorführen. Ich muss hier wohl nicht erwähnen, dass ich keine Ahnung habe, wie ein usbekischer Tanz funktioniert. Also wackelte ich ein wenig mit den Hüften und schmiss meine Arme durch die Luft. Der Ausländerbonus sicherte mir dennoch den ersten Platz und Preisgeld. Nachteil: Nun wusste auch der Letzte wer ich bin, sodass mir auch eine Rede nicht erspart blieb. Auf Deutsch natürlich. Verstanden hat mein Gebrabbel niemand, aber Applaus bekam ich trotzdem. Irgendwie hatte ich das leichte Gefühl, der Braut die Show zu stehlen. Aber andererseits steht diese hier sowieso nicht so extrem im Mittelpunkt wie auf westlichen Hochzeiten.

Punkt 24 Uhr war die Feier dann beendet. Nur schweren Herzens konnte ich mich der ganzen Annäherungsversuche erwehren (*hust*). Während ich eisern meine Telefonnummer verschwieg und auch keine Küsse verteilen wollte, sammelte meine Mitbewohnerin (wie auch alle anderen heiratswilligen Personen auf dieser Veranstaltung) Telefonnummern wie ich früher Pokémonkarten. Für den Heimweg wurde dennoch darauf geachtet, dass die unverheirateten jungen Mädchen getrennt von den tollen Männern in Busse untergebracht wurden. Ich darf sogar erwähnen, wir hatten eine Anstandsdame dabei.

Gegen zwei fiel ich dann müde ins Bett, während meine Mitbewohnerin sich noch einen nächtlichen Snack erlaubte. Es hatte ja noch nicht genug Essen gegeben. Und als ich bereits ins Traumland fiel, telefonierte sie bereits fleißig mit einem ihrer gefühlt hundert neuen Bekanntschaften. Mit Happy End? Wer weiß…

Ihr wollt noch mehr über das Thema Hochzeiten in Kirgisistan erfahren? – Dann lest hier!

 

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