Die Kirgisen – Ein hochzeitswütiges Volk

Die wohl häufigste Frage, die mir hier bisher gestellt wurde, ist, wie alt ich bin. Unweigerlich darauf folgend muss ich erklären, warum ich noch nicht verheiratet bin, ob ich denn wenigstens einen Freund hätte und wann ich denn gedenke endlich zu heiraten. Den meisten männlichen Kirgisen bin ich definitiv zu alt und die Frauen schütteln entgeistert den Kopf, wenn sie feststellen, dass ich noch gar keine Kinder habe.

Als meine Mitbewohnerin ihrem Cousin ein Foto von mir zeigte, war er scheinbar zunächst sehr angetan von mir. Als er dann allerdings erfuhr wie alt ich bin, war er nicht mehr so begeistert und schien von dem Gedanken, mich unbedingt kennenlernen zu wollen und extra für diese Gelegenheit Deutsch zu lernen, abgekommen zu sein. Was solle er denn bloß mit so einer alten Frau? Aber gut, mit 22 darf man auch noch wählerisch sein. In Kirgisistan gibt es allerdings einen Männerüberschuss, sodass den 25+ Frauen der Rest übrig bleibt, den die anderen nicht wollten. Da kann man dann schon mal über so ein Hindernis wie das Alter von 27 drüber hinwegsehen.

Tatsächlich scheint eine der Hauptbeschäftigungen der Kirgisen das Heiraten zu sein. Ende Februar beginnt hier die Saison, die bis ca. Ende Oktober andauert. Auf den Straßen finden sich zahlreiche Brautkleid-Verleiher, die in den kommenden Monaten das Geschäft ihres Lebens machen. Große, überdimensionale Limousinen warten vor dem Standesamt in Osch auf Kundschaft. Direkt gegenüber der Fakultät für internationale Sprachen befindet sich das Bakyt Üj, das Haus des Glücks. In einem kleinen Park davor ist eine Plastik einer glücklichen Familie zu sehen. Die Studentinnen im letzten Studienjahr scheinen kein anderes Thema mehr zu kennen. Wer noch keinen Ring am Finger trägt, also weder verlobt noch verheiratet ist, der geht mit spätestens 22 auf Bräutigamsuche und plant ganz fest bis September verheiratet zu sein. Kennenlernen kann man sich hinterher ja immer noch. Als einzige Ausrede gilt eventuell noch, dass man sich auf sein Studium konzentrieren möchte, so wie eine meiner Mitbewohnerinnen. Dennoch hat sie in ihren Kontakten „My Dear Love“ eingespeichert. Offiziell ist das nicht ihr Freund, noch nicht. Ein Treffen allein mit ihm, dass wäre ein absolutes Unding. Heimlich Händchenhalten und Küsse austauschen gibt es nicht. Theoretisch versteht sich. Es gibt schließlich Mittel und Wege… Nur die Eltern dürfen es eben nicht mitbekommen. Und nebenbei kann man ja trotzdem noch fleißig Telefonnummern mit weiteren Heiratskandidaten austauschen. Die Eltern haben schließlich das letzte Wort, da sollte man schon Alternativen in Petto haben. „In Love“ ist sie trotzdem irgendwie. Nur auf die Frage, wer denn nun der Glückliche sei oder wie der Chatpartner in WhatsApp überhaupt heißt, erhalte ich ein Schulterzucken als Antwort. Das ist scheinbar nicht so wichtig. Hauptsache man kann jemanden vorweisen. Alles andere ergibt sich schon von selbst – nach der Hochzeit.

Anmerkung:
In Krigisistan gibt es noch immer Ehen, die durch die Eltern geschlossen werden. Brautraub ist ebenfalls noch ein Thema hier. Auch wenn ein verbotenes. Mädchen die frei raus sagen, dass ihre Eltern den Zukünftigen aussuchen werden und es als das selbstverständlichste der Welt sehen, sind keine Seltenheit. Gemeinsame Interessen, Liebe? Das ist doch überbewertet. Aber natürlich sind nicht alle Mädchen so. Ich würde zwar schätzen, dass 99,9 % heiraten möchten, doch trifft man hin und wieder eine junge Frau an, die selbst entscheiden und unabhängig leben möchte. Frauen, die ins Ausland gehen und ja, es gibt hier auch Feministinnen. Mehr noch, nicht alle haben eine unendliche Liste an männlichen Kontakten in ihren Handys und wissen noch nicht einmal deren Namen wie meine Mitbewohnerin. Je ländlicher, ursprünglicher bzw. je städtischer und westlicher man blickt, desto mehr verschieben sich die Ansichten in die eine oder andere Richtung. Wenn auch nicht bei jedem.

 

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