Krigisistan – Lektionen fürs Leben

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Im Alltag wie auch beim Reisen gibt es Momente, auf die man gern verzichten könnte. Obwohl die positiven Erlebnisse bisher überwiegen, gibt es zwei, drei Augenblicke, die nicht so angenehm gewesen sind. Der Hauptteil davon ist harmlos, hört zum kulturellen Lernen dazu, Missverständnisse sprachlicher Natur oder unbekannte Traditionen. Trotzdem hätte ich gern auf das ein oder andere Erlebnis verzichtet.

Wer in Kirgisistan länger vorausplanen möchte, ist hier eigentlich fehl am Platz. Das lernte ich bereits an meinen ersten Tagen. Noch immer habe ich nicht wirklich einen festen Stundenplan und weiß nicht, wann ich welche Klasse lehren soll. Das kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Aber selbst, wenn man dann vor der Klasse steht und gerade mit dem Unterricht beginnen möchte, kommt eine Lehrkraft herein und beansprucht die Studenten für sich, weil diese für den Tag der Sprachen JETZT einen Tanz einüben müssen. Ok, dann geht man eben einen Kaffee trinken. Oder man spricht am Vortag mit dem Dozenten das nächste Thema ab, nur um sich dann wie ein Volltrottel zu fühlen, weil die Studenten gerade DAS Thema am Tag zuvor noch mit genau dieser Lehrkraft durchgesprochen haben. Eine Stunde Vorbereitung völlig umsonst. Aber gut, dann improvisiert man eben. Spontanität und Improvisation – zwei Eigenschaften die man hier definitiv zu perfektionieren lernt.

Abends bin ich noch oft unterwegs, treffe mich mit den Internationals, gehe zum Yoga oder zur Karaoke mit meinen Studenten. Busse fahren hier allerdings nur bis es dunkel wird. Circa. Gestern bin ich noch im Dunkeln mit einem ins Zentrum gekommen. Man kann es also nicht generalisieren. Einen Fahrplan gibt es hier nicht. Man wartet entweder an einer der offiziellen Haltestellen oder stellt sich an den Straßenrand und winkt, wenn sich der richtige Fahrbahnuntersatz nähert. Das Aussteigen erfolgt ähnlich. Entweder der Bus bzw. die Marshrutkas (Minibusse) halten an den offiziellen Stellen oder man gibt dem Fahrer einfach Bescheid. Allein die Fahrt mit Marshrutkas ist ein Erlebnis für sich. Zudem gibt es gewisse Regeln. Egal wie vollgepackt man ist, man macht den Alten, Frauen, Kindern platz. In dieser Reihenfolge. Erscheint eine Person auch nur ein wenig älter, gebietet es die Höflichkeit aufzustehen. Mir wurde letztens ein Platz in einem der Marshrutkas angeboten, ich lehnte höflich ab, ich wollte sowieso gleich raus – aber das ist ebenso unhöflich. Das fordert nur längere Diskussionen heraus, wer sich denn nun von den zweien hinsetzt. Also lieber Rachmat (krig. Danke) sagen und das Angebot annehmen.

Am späten Abend empfiehlt es sich ein Taxi zu rufen. Große, streunende Hunde wühlen jetzt im Müll, nur noch wenige Menschen befinden sich auf den Straßen – hauptsächlich Männer. Taxis bekommt man hier an jeder Ecke, allerdings ist dann Verhandlungsgeschick bezüglich des Fahrpreises gefragt. Einfacherer ist es, diese per Telefon zu ordern. Innerhalb weniger Minuten sind sie da. Ich musste noch nie länger als 5 Minuten warten. Diese Taxis haben einen festen Preis pro Kilometer. Im Schnitt zahle ich umgerechnet 1,36 EUR für eine Fahrt (Bus 0,11 EUR, Marshrutka  0,14 EUR pro Strecke). Stolz wie Oskar kann ich den Taxifahrern bereits den Weg zu meiner Unterkunft auf Russisch erklären. Allerdings, mit den Zahlen habe ich es nicht so. Daraus resultierend saß ich vergangenen Mittwoch geschlagene zehn Minuten im Taxi vor meiner Wohnung fest. Zunächst konnte der Taxifahrer 500 Som nicht wechseln, also kramte ich mein ganzes Kleingeld zusammen, in der Hoffnung, das würde genügen. Daraufhin sagte er was zu mir, was ich nicht verstand und zeigte mir dann auf seinem Handy 100 Som. Ich nahm also an, er wollte noch mehr. Und so ging es noch einige Zeit hin und her bis ich meine Mitbewohnerin anrief und sie herunter bat. Wie sich herausstellte, der Taxifahrer hatte mir nur mitteilen wollen, dass 100 Som reichen und ich jetzt gehen könnte. Dass ich mir daraufhin ein wenig dumm vorkam, muss ich hier wohl nicht erwähnen…

Gestern (23.02) war hier Feiertag. Spontan versteht sich. Gefeiert wurden die Männern. Manchmal beschließt die Regierung, diesen Tag als nationalen Feiertag auszurufen. In anderen Jahren wiederum nicht. Wer das wann entscheidet, keine Ahnung. Letzte Woche hieß es noch, der Tag wäre nicht frei. Am Mittwoch dann die Nachricht, dass am Donnerstag die Uni geschlossen bleibt. Dass ich das als großes Unglück empfunden hätte, wäre eine Lüge. Also beschlossen die andere Praktikantin und ich den Aufstieg zum Sulejman-Too zu wagen. Der 1100 Meter hohe Berg stellte sich jedoch als kleine Anstrengung heraus. Und zwar als eine nicht ganz ungefährliche. Auf der Nordseite ist noch alles vereist, beim Abstieg nahm ich gleich mal fünf Stufen mit. Jetzt weiß ich nicht, wie ich sitzen oder schlafen soll. Mir tut alles weh und ich schimmere in den schönsten Farben.

Meine Beine haben noch eine ganze Weile nach dem Abstieg gezittert. Der Grund mag aber nicht allein an meinem Absturz liegen, sondern an eine unangenehme Bekanntschaft, die wir machten:

Es gibt zahlreiche Höhlen im Sulejman-Too, in die man klettern kann. Dies ist nicht ganz ungefährlich. Eine Absicherung oder einen offiziellen Weg sucht man vergebens. Wir pusteten uns also unseren Weg nach oben, als auf halber Strecke ein junger Kirgise auftauchte. Ganz der Gentleman half er uns hoch, nahm mir sogar meine Tasche ab. Doch als wir die Höhle wieder verlassen wollten, wurde aus dem Gentleman ein Macho. Das typische Zwei-Gesicht der kirgisischen Männer. Er bedrängte uns, stellte sich vor den Ausgang und verlangte einen Kuss – sonst dürften wir nicht gehen. Wir schoben uns an ihm vorbei, schubsten ihn weg, doch so einfach war das nicht. Das Gelände war abschüssig, er war recht stark, hielt uns fest und begrabschte uns. Nur mit Mühe schafften wir es aus der Höhle. Zu gern hätte ich ihm einen starken Stoß gegeben, aber ich wollte jetzt auch nicht gerade daran schuld sein, wenn er die Felswand hinuntergestürzt und sich das Genick gebrochen hätte.

Leider ist ein solches Benehmen hier keine Ausnahme. Auch auf der Hochzeit musste ich mich so einigen Annäherungsversuchen erwehren. Und auch dort war ich ja nicht gerade auf mich allein gestellt. Das zeigt nur noch einmal mehr, dass die Männer hier ein recht bizarres Bild von Frauen haben. Zum einen sind Frauen hier ein hohes Gut, sorgen sie doch für Nachwuchs und für die Eltern, dafür dass das Essen rechtzeitig auf dem Tisch steht und die Kleidung sauber ist. Zum anderen sind es aber „nur“ Frauen, die bei der Hochzeit „erkauft“ werden. Auch wenn verboten, gerade auf dem Land findet noch immer Brautraub statt.

Zwar sollte man diese Erfahrungen nicht auf jeden kirgisischen Mann übertragen, aber trotzdem bin ich nun vorsichtiger gegenüber den Männern hier. Diese Situationen haben mich definitiv dafür sensibilisiert, dass hinter der freundlichen Fassade nicht unbedingt eine freundliche Absicht steckt.

 

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3 Gedanken zu “Krigisistan – Lektionen fürs Leben

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