Meine erste Woche in Kirgisistan

Noch kann ich gar nicht richtig in Worte fassen, was ich alles erlebt und erfühlt habe. Seit einer Woche bin ich hier, aber es kommt mir bereits wie eine kleine Ewigkeit vor. Ich durfte den Frühling erschnuppern und den Winter erzittern. Ich durfte durch Matsch und Regengüssen stapfen, aber auch durch Sonnenschein und Wärme. Ich glaube, ich habe noch nie in meinen Leben so viel gegessen wie hier. Die Portionen sind gigantisch, lecker, meist einfach und doch werde ich diese mit Sicherheit vermissen.

Ich habe noch nie so viele Menschen aus aller Welt auf so einem kleinen Flecken Erde getroffen. Japaner, Schweden, Amerikaner, Kanadier, Italiener, Koreaner, Franzosen. Sie alle sind hier, um auf irgendeine Art und Weise diesem Land zu helfen. Sie arbeiten für UNICF, Ärzte ohne Grenzen, OSCE oder anderen Organisationen. Sie lehren an Schulen und Universitäten. Sie sind seit einigen Wochen oder bereits mehreren Jahren hier. Was sie vereint ist ihre Liebe für dieses Land, die Menschen die hier leben, die Sprache – Kirgisisch die Sprache der Herzen – und ihr Ziel, die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Ich war noch nie so inspiriert wie hier und noch nie so sehr bestärkt in meinem Lebenstraum die Welt mehr und mehr zu entdecken, zu helfen und zu lehren. Ich habe erst ein paar Stunden eigenen Unterricht hinter mir und trotzdem weiß ich, dass ist es was ich tun möchte. Neben dem Schreiben.

Ich wurde schon auf vielen Teilen dieser Erde willkommen geheißen, aber noch nie so herzlich wie hier. Auch wenn die Menschen im Vergleich zur westlichen Welt nicht viel haben, so scheinen sie doch viel reicher zu sein. Sie nehmen die Dinge wie sie kommen, weit vorausplanen ist hier nicht möglich. Funktioniert mal wieder nicht die Heizung wird eben eine Schicht Kleidung mehr angezogen. Kommt der Bus nicht, läuft man eben. Kommt überraschend ein Gast, teilt man sein Essen, auch wenn es nur wenig ist. Smog, Korruption (selbst an der Universität!), kaputte Fenster – das alles ist egal, so lange man Menschen um sich hat, auf die Verlass ist.

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Ich habe in diesen sieben Tagen bereits zwei Familien dazu gewonnen. Meine Mitbewohnerinnen und die Internationals. Die drei Mädels, mit denen ich zusammen wohne, sind um mein Wohlergehen unglaublich bemüht. Mir ist es nicht erlaubt zu kochen, zu putzen oder auch nur zu helfen. Sie sind Schwestern, also zwei nach dem westlichen Verständnis und eine Cousine. Aber hier werden alle weiblichen Verwandten als Schwestern bezeichnet, egal wie weit der Verwandtschaftsgrad auseinander liegt. Das gleiche gilt auch für die Männer – sie sind alle Brüder, selbst der Urgroßonkel. Bis man hinter den tatsächlichen Verwandtschaftszweig steigt, kann schon mal einige Zeit vergehen.

Die Internationals sind ein bunt gemischter Haufen. Allein die Lebensgeschichten jedes Einzelnen sind zu faszinierend, um darüber hinweghören zu können. Die meisten sind in ihren Mittzwanzigern und schon viel um die Welt gereist. Jeden Mittwoch ist Stammtisch, wer kann, kommt. An den Wochenenden wird hin und wieder was zusammen unternommen. Ein paar der Mädels gehen zwei bis drei Mal zum Yoga und haben mich gleich mit eingespannt. Ansonsten trifft man sich zufällig im Brio, das angesagteste Café in Osch zur Zeit. Geführt wird es von einem Schwaben, der eigentlich in jungen Jahren nach Amerika emigrierte, aber aus irgendeinem Grund hat es ihn nun hierher verschlagen. Dementsprechend ist das Café ein Mix aus westlicher Moderne und kirgisischer Urigkeit. Die Mitarbeiter können alle Englisch, es gibt W-Lan (ein seltenes Gut hier) und Muffins. Es ist also kein Wunder, dass man zu jeder Tageszeit neben Einheimischen auch einen der Internationals trifft. Dann gibt es erst einmal ein großes Hallo und der neuste Klatsch wird ausgetauscht.

Obwohl sich das Leben hier so sehr vom deutschen Alltag unterscheidet und ich bisher nur ein paar Brocken Russisch und Kirgisisch spreche, fühle ich mich bereits wie zu Hause. Trotz einiger Fettnäpfchen, die ich bereits mitgenommen habe, fühlt sich das Leben hier viel natürlicher an als es das in London war. Und das überrascht mich jeden Tag aufs Neue.

 

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