Kosch kelingizder! – Willkommen in Kirgistan!

Eine eisige Hand griff unter meine Kleiderschicht, als ich mich in die lange Reihe von Kirgisen einordnete, die alle der Eiswüste Sibierens entkommen wollten. Ich wollte nur diesem grässlichen, alles anderem als gemütlichen Flughafen verlassen, der in den letzten sieben Stunden meine Schlafbasis dargestellt hatte. Im Bus, der uns vom Terminal zum Flugzeug brachte, wurde ich neugierig von allen Seiten beäugt. Eine junge Frau, die ohne Begleitung reist und dann auch noch so ganz anders aussieht… Nur ein Blinder hätte vielleicht nicht gemerkt, was an diesem Bild nicht stimmen kann. Die Frauen hatten entweder Kinder dabei oder/und wurden von ihren Männern begleitet. Die einzigen Alleinreisenden waren tatsächlich nur die Herren der Schöpfung. Und meine Wenigkeit. Selbst das Flugpersonal wirkte ein wenig irritiert bei meiner Erscheinung, noch mehr beim Feststellen meiner nicht vorhandenen Sprachkenntnisse. 

Kirgisistan begrüßte mich mit einer dicken Nebelwand. Laut Pilot würde sich unsere Landung noch verzögern, ein paar Minuten, vielleicht eine Stunde, so genau wisse er das nicht. So lange müssten wir über Osch kreisen. Ich hoffte nur, dass wir genügend Kerosin in Petto hatten. Letztendlich waren es nur zwanzig Minuten, diese vorherige Zeitangabe ein deutlicher Vorgeschmack auf mein Leben in Kirgistan.

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In Osch wurden wir vom Bodenpersonal mit dem Schild „VIP“ begrüßt, ein weiterer Indiz für eine der  Gewohnheiten der Kirgisien, die ich bald darauf sehr gut kennen- und schätzen lernen würde.

Die Ankunftshalle ist klein, zahlreiche Grenzpolizisten stehen herum. Brav ordnete ich mich in die Schlange ein, bloß nicht auffallen war meine Divise. Das ging jedoch nach hinten los. Frauen und Kinder wurden von den Männern getrennt und durften als erstes abgefertigt werden. Nur checkte ich das leider nicht. Gentlemenlike wurde ich sanft durch die Männermenge nach vorne geschoben. Die Aufmerksamkeit aller war auf mich gerichtet, die Polizisten begutachteten mich neugierig, aber ohne erkennbares Misstrauen. Am Schalter wurde ich dann äußerst freundlich begrüßt, bis ihr Blick auf mein Transitvisum für Russland viel. Was ich denn dort gewollt hätte, wurde ich entrüstet gefragt. Der Grenzbeamte schien wohl kein Russlandfreund zu sein. Nachdem ich aber versicherte, dass ich dort nur durchgereist war, wurde ich wieder angelächelt. Was ich denn jetzt hier machen würde, war die nächste Frage. „I’m going to teach German at the University.“  Teach German, dass schienen sie noch zu verstehen, aber University, was sollte das denn sein? So viel also dazu, wie weit man sich hier mit Englisch verständigen kann. Mit einem „Welcome to Kyrgyzstan“ durfte ich schließlich die Passkontrolle hinter mir lassen.

Nachdem ich mein Gepäck aufgegabelt hatte, wurde ich von einem muskelbepackten Soldaten aufgehalten. Hatte ich etwas falsch gemacht? Musste mein Gepäck auf verbotene Gegenstände untersucht werden? Sollte ich einer Leibesvisitation unterzogen werden? Mit dem Telefon am Ohr sah er bedrohlich auf mich herunter. Barsch huschten Worte aus seinem Mund, die wohl einen verängstigten Ausdruck auf meinen Gesicht zauberten. „Ja ne pane…“ versuchte ich es mit Russisch, woraufhin der Riese ins Englische wechselte. Wie sich herausstellte, fragte er nur höflich, ob er mir ein Taxi bestellen solle. Als ich verneinte, fragte er mich, ob ich mir sicher sein. Erst als ich versicherte, dass ich abgeholt werde, ließ er mich gehen. Keine Minute später verstand ich auch warum.

Vor dem Eingang stand eine Meute von Männern. Sobald sie mich sahen, riefen sie mir entgegen, drängten auf mich zu, zogen an meinen Sachen. Taxi, Taxi!, riefen sie. Stoisch schüttelte ich den Kopf und versuchte mir, einen Weg zu bahnen. Übermüdet wie ich war, erschien mir dies als ein unmögliches Unterfangen. Glücklicherweise entdeckte mich jedoch bald mein Betreuer und der derzeitige Deutschlektorat an der hiesigen Universität, und wieder einmal wurde ich sanft durch eine Masse von Männern geschoben.

Hilfsbereit griff ein Mädchen nach meinem Handgepäck. So zermatscht wie mein Gehirn war, ließ ich es einfach geschehen. Zum Glück stellte sich aber gleich darauf heraus, dass sie eine meiner Mitbewohnerinnen sein würde.

Auf dem Weg zu meiner derzeitigen Bleibe versuchte ich so viel von meiner Umgebung aufzusaugen wie es ging. Aber ich versagte kläglich. Alles verschwamm zu einem Brei, wirkte grau, heruntergekommen, schmutzig. Das Taxi hielt vor einem Häuserblock, den Hauseingang zu erreichen stellte bereits eine Herausforderung dar, große Wasserpfützen und Schlamm waren ein einziger Hindernisparcour. Der Hausflur wirkte ungepflegt, Kabel hingen von der Decke, wenn es Fenster gab, waren diese kaputt und nur teilweise mit Pappe oder ähnlichemcabgedichtet. Deckenbeleuchtung: Fehlanzeige.20170216_112657

Doch dieser Eindruck war schnell vergessen. Mit großer Freude wurde ich von den anderen zwei Mitbewohnerinnen und deren Tanten, Neffen und Nichten begrüßt. Ich erhielt im „guten“ Zimmer (indem die Heizung zumindest ab und zu funktioniert), den Ehrenplatz – gegenüber der Tür – auf einem großen Kissen. Die anderen nahmen links und rechts von mir auf weiteren Kissen platz. In der Mitte lag ein Tuch ausgebreitet, der Dastarchon, auf dem allerlei nationale Leckereien ausgebreitet wurden, die, je weniger es wurde, immer mehr in meine Richtung geschoben wurden. Ich sollte essen, essen, essen. Zum Tee mit Honig gab es Tandyr Nan (Fladenbrot), in Fett ausgebackene Boorsok-Teigtaschen, Kekse, getrocknetes Schafsfleisch und Süßigkeiten. Dazu wurde Pflaumen- und Kirschmarmelade gereicht. Eine weitere Delikatesse war Kurut, handgeformte Bällchen aus getrockneten und gesalzenen Ziegenfrischkäse, an dem man sich die Zähne ausbeißen kann. Todesmutig wie ich war, steckte ich mir eins dieser Bällchen komplett in den Mund, sodass dieser am Ende mit einer sehr trockenen, salzigen, gefühlt immer mehr werdenden Masse, gefüllt war. Eigentlich knappert man nur kleine Stückchen ab, aber diese Warnung kam für mich leider zu spät.

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Während ich im Anschluss endlich unter der Dusche stehen konnte, wurde heftig über den Aufbau meines Bettes diskutiert. Wie in einer Jurte,  wurde mein Bett auf der rechten Seiten des Zimmers aufgebaut. Die rechte Hälfte gehört den Frauen, die linke den Männern. Da ich mich jedoch nicht in einer Jurte befinde, darf ich natürlich auch die andere Seite benutzen. Männer leben hier ja sowieso keine. Mein Bett besteht aus mehreren Schichten Matten, ich hätte auch das verstaubte, sehr unbequem aussehende Sofa aus der Abstellkammer haben können, doch ich dachte mir, wenn dann mache ich es gleich richtig und wenn die anderen drei ebenfalls auf dem Boden schlafen, warum sollte ich es dann nicht auch tun. Nun ja, mein Rücken hat am ersten Morgen recht laut protestiert, inzwischen scheint er sich jedoch mit dieser Schlafsituation abgefunden zu haben.

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Aber falls ihr jetzt denkt, jeder schläft hier auf dem Boden, dieser Eindruck täuscht. Wer es sich leisten kann, hat auch ein Bett, selbst in den Jurten. Nur wie es nun einmal bei Studenten so ist, das Geld ist knapp, da verzichtet man eben auf den ein oder anderen Luxus. Stattdessen zählt hier die Gastfreundschaft um so mehr. Und willkommen habe ich mich hier sofort gefühlt.

 

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